Sturz lässt einen Jungen seit Jahren nicht los

Eine St. Ingberter Familie kämpft um die Gesundheit ihres 14-jährigen Sohnes. Nach einem Schulunfall 2005 hat er gesundheitliche Probleme, die ihn auch schulisch einschränken. Ob die aber noch auf den Vorfall in der Grundschulzeit zurückgehen, ist jetzt eine Frage an das Sozialgericht.

St Ingbert. „Ich kann nicht mehr“. Stefan Lambert schüttelt den Kopf, als er die wenigen Worte sagt. Seine Stimme klingt belegt, er wirkt verzweifelt. Ausgelaugt vom jahrelangen Kampf für seinen Sohn Emanuel. Seit 2005 streitet der Vater dafür, dass der Junge eine Chance auf eine Zukunft bekommt. Dabei scheint Emanuel eigentlich ein normaler Junge zu sein. Er ist 14 Jahre alt, geht auf das St. Ingberter Albertus-Magnus-Gymnasium und hat einen Notendurchschnitt mit Eins vor dem Komma. In seiner Freizeit spielt er Basketball und trifft sich mit Freunden.
Doch Emanuel ist nicht „normal“, sagt sein Vater. Emanuel habe ernsthafte, gesundheitliche Probleme. Ihm falle es schwer, sich lange zu konzentrieren. Auch könne er Dinge nicht richtig sehen oder schnell fokussieren. Und so dauere es auch, wenn der Junge etwas von der Tafel ablesen oder abschreiben wolle. Zumindest länger als bei seinen gleichaltrigen Klassenkameraden. Am Ende des Tages würden Emanuel immer wieder Kopfschmerzen plagen.

Der Grund: Emanuel leidet an einem „hirnorganischen Psychosyndrom mit neuropsychologischen Teilleistungsstörungen im Bereich der visuellen Exploration und der Aufmerksamkeitsfunktion.“ So die medizinisch korrekte Diagnose. Doch sein Vater klagt: „Emanuel bekommt keine medizinische Hilfe.“ Warum? Das ist eine schwierige Geschichte.

Rückblende: 8. September 2005, große Pause an Emanuels Grundschule in St. Ingbert. Jungen und Mädchen toben auf dem Schulhof umher – auch Emanuel. Plötzlich stößt er mit einem anderen Jungen zusammen und fällt – wohl auf den Hinterkopf. Der Junge erleidet offenbar ein Schädel-Hirn-Trauma, verbunden mit Seh- und Konzentrationsschwächen. „Bis heute“, sagt sein Vater.

„Das erste Jahr nach dem Unfall konnte Emanuel nicht zur Schule gehen“, erklärt Stefan Lambert weiter. Die Schulamtsärztin habe ihn krankgeschrieben. Emanuel braucht Hilfe – eine Therapie. „Doch er bekommt sie nicht“, sagt Lambert. Den ersten Krankenhausaufenthalt nach dem Unfall zahlte noch die Krankenkasse. 2006 machten Emanuel und seine Mutter einen Mutter-Kind-Aufenthalt zur Eingliederung des Jungen in den Alltag. Den zahlte die Unfallkasse Saarland (UKS), die nach Lamberts Worten das Leiden seines Sohnes bis 2008 anerkannte.

Dann aber stockte alles. Ein medizinisches Gutachten über Emanuels Gesundheitszustand, das eine Spezialklinik in Gailingen – das Hegau-Jugendwerk – 2010 erstellt hatte, bringt wieder Bewegung in den festgefahrenen Fall. Die gesundheitlichen Probleme Emanuels rührten für die Mediziner vom Unfall 2005 her. Die Unfallkasse genehmigt nach einem zweiten Aufenthalt in der Klinik Anträge der Familie Lambert, unter anderem zwischen Januar und Juli 2011 die Kosten für den Einzelunterricht und den Fahrdienst zur Schule. Andere Anträge wie Therapieeinheiten lehnt sie ab.

Seit September 2011 übernehme die UKS überhaupt keine Kosten mehr, sagt Lambert. Wie kommt das? „Wir sind nicht mehr für Emanuels gesundheitliche Probleme zuständig“, erklärt der stellvertretende Geschäftsführer der UKS, Gerd Kolbe. Die Folgen des Schulunfalls seien ausgestanden. Die Seh- und Konzentrationsschwächen Emanuels seien nicht mehr auf 2005 zurückzuführen, so Kolbe weiter. Das anders lautende Gailinger Gutachten bewerte die UKS zwischenzeitlich neu. Inzwischen beschäftige sich das saarländische Sozialgericht zum zweiten Mal mit dem Fall, sagt Lambert. Die Richter haben demnach ein neues Gutachten in Auftrag gegeben. In diesem Monat soll es vorliegen und klären, ob es sich bei Emanuels Krankheit wirklich um die Folgen eines Unfalls handelt oder nicht. Und ob die UKS für die Kosten aufkommen muss.

Lambert: „Ich suche keinen Schuldigen. Ich will nur, dass meinem Sohn geholfen wird.“ Denn erst wenn juristisch feststehe, ob die Krankheit noch eine Folge des Schulunfall ist, könnten andere Gesundheitsträger eingreifen. Er fürchtet um Emanuels Zukunft: „Die Schule hat bereits Alarm geschlagen, dass es im nächsten Jahr eng werden kann für meinen Jungen.“ Um weiter mitzukommen, brauche sein Sohn entsprechende Unterstützung.

 
Quelle: Saarbrücker Zeitung (Veröffentlicht am 10.06.2013)

GEschrieben am von Berichte

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